Warum bist du so wütend?

Lieber Niklas,

Weihnachten ist das Fest der Liebe, zumindest wird das kolportiert. Man trifft Familie und Freunde, isst und trinkt und unterhält sich. Und hier können die Probleme entstehen, solange sich beim Essen (sowohl der Vorgang an sich als auch die Auswahl der Speisen) denn noch alle einig waren.

Die Ereignisse in Berlin bewegen Freunde und Familie immer noch. Neben den zahlreichen Anrufen, Nachrichten und besorgten Nachfragen, die mich am Montag erreichten, gesellen sich nun auch weitere hinzu. Und eben auch Thesen.  Die mit Abstand scheußlichste und auch bereits direkt am Montagabendin der Öffentlichkeit geäußerte war: „Es sind Merkels Tote und die Konsequenz ihrer Politik.“ Und Niklas, du formuliertest es so: "Na, bist du froh, dass deine Kinder [die ich nicht habe] jetzt in Berlin sterben werden? Das habt ihr jetzt davon."

Eigentlich will ich diesen Text nicht schreiben, eigentlich will ich mich in der Öffentlichekkeit nicht damit auseinandersetzen. Ich habe den Breitscheidplatz am Donnerstag besucht, mir selbst ein Bild gemacht. Ich lese, dass der Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gut besucht ist, und dies nicht (nur) aus voyeuristischen Gründen. Stattdessen herrsche eine besinnliche Stimmung. Kuzmany schreibt, er könne in Berlin keine Angst spüren. Ja, wir Berliner trauern, sind traurig. Gleichzeitig wissen wir aber, was wir an der Vielfalt der Stadt haben und starten deshalb keine wüsten Verdächtigungen, um nicht den falschen zu treffen. Wir warten gelassen ab - das können wir. Berlin ist bunt und das ist auch gut so.

Lieber Niklas, und dann kommst du. Du wohnst nicht in Berlin, aber du hast natürlich die Nachrichten gehört. Du hast eine Meinung. Und die tust du kund. Es ist nicht so, dass ich dich danach gefragt hätte. Deine Meinung ist klar und einfach: Es ist die Schuld der Flüchtlinge. Und zwar aller. Und dies sei doch jetzt das beste Beispiel, was uns bevorstehe durch die Zugewanderten.

Eigentlich möchte ich an dieser Stelle über meine Energiegenossenschaften schreiben und nicht über so ein politisiertes Thema. Aber folgende wenige Punkte:

  1. Du hast ein sicheres und angenehmes Leben, viele derjenigen, die zu uns gekommen sind eben nicht. Wenn du nun aus deiner bequemen Position über alle urteilst, dann denk bitte kurz nach, ob du nicht einem großen Teil Unrecht tust.
  2. Wenn du dich dann fragst, warum der Staat viel für andere tut, aber nichts für dich, denk vielleicht auch daran, was du für den Staat und deine Mitmenschen getan hast.
  3. Es ist immer einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen und mutmaßliche Probleme zu benennen. Suche doch lieber nach Antworten, statt nur auf aktuelle oder mögliche Probleme zu verweisen.

Lieber Niklas, es wird immer Arschlöcher geben. Damit habe ich mich abgefunden. Und damit meine ich nicht dich. Im Gegenteil. Ich meine damit Menschen, die mutwillig anderen Schaden hinzufügen wollen. Davon bist du weit entfernt. Was ich möchte, ist, dass wir uns gemeinsam mit den wirklichen Problemen auseinandersetzen und Lösungen finden. Nachhaltige Lösungen für unsere Gesellschaft, unsere Natur, unser Zusammenleben, statt einander ständig polemisch zu begegnen.

Wenn jemand einen Anschlag verüben will, wissen unsere und andere Geheimdienste hoffentlich davon und können entsprechend eingreifen. Womit ich mich aber nicht abgefunden habe, sind Reaktionen wie deine. Mit deiner Meinung wirkst du implizit und sicherlich ohne es zu wollen daran mit, dass Ängste hochgeschürt werden. Ist es nicht dies, was diejenigen wollen, die Anschläge vorbereiten und durchführen?

Lieber Niklas, du hast keinen Grund wütend zu sein. Du bist nicht betroffen, es geht dir gut. Und da Weihnachten das Fest der Liebe sein soll, hier noch eine sehr versöhnliche und tröstende Botschaft. Am Mittwoch haben 2000 Menschen gemeinsam „We are the world“ in der Nähe des Breitscheidplatzes gesungen. Gibt das nicht Mut?